Eine kurze Geschichte meines Lebens

Das Spiel des Lebens teilt uns allen zu Beginn eine unterschiedliche Mischung an Karten aus. Einige können wir im Leben ablegen und neue dazu bekommen. So erging es mir in den bisherigen 69 Jahren meines bewegten Lebens.

Als Kind einer Schauspielerfamilie, war ich früh von meinem Vater verlassen worden und wuchs bis zum siebten Lebensjahr bei meinen Großeltern in Bremerhaven auf. Dann holte meine Mutter meinen jüngeren Zwillingsbruder und mich, zu sich nach Hamburg. Sie hatte inzwischen die Schauspielerei an den Nagel gehängt und versuchte als Sekretärin und Buchhalterin bei zwei Arbeitgebern Geld zu verdienen. Da blieb für uns Kinder keine Zeit und wir wurden in einen evangelischen Kindergarten gesteckt.

Bei meiner Mutter, war lediglich zu Ostern und Weihnachten etwas von christlicher Tradition zu bemerken, bis wir in den Konfirmationsunterricht geschickt wurden. Von einem gewalttätigen Stiefvater nach einem misslungenen Fluchtversuch aus dem Haus getrieben, fand ich schon mit 18 Jahren eine Frau, die bereit war mich zu heiraten. Auf Betreiben ihrer Eltern, wurden wir von einem Pfarrer getrau, der es so lieblos hinter sich brachte – wohl auch weil wir vorher noch nie in seiner Kirche aufgetaucht waren –, dass ich unverzüglich aus der Kirche austrat und zu einer Art Nihilisten wurde. Da ich aber innerlich auf der Suche war, lies ich mich in die Meditation einführen und baute mir ein Meditationsbänkchen und praktizierte fortan mehr oder weniger regelmäßig Meditation.

Nach einer Lehre zum Elektronikmechaniker, die mich früh in die Gewerkschaft eintreten lies und mich zu Protesten gegen meinen Lehrherrn motivierte, durfte ich ein halbes Jahr vorzeitig meine Lehre abschließen und mich bei verschiedenen Arbeitgebern ausprobieren, u. a. als Hausgeräte-Kundendienstmonteur bei SIEMENS. Nach einem halben Jahr kam dann meine Einberufung zur Bundeswehr, die ich als Leutnant nach drei Jahren wieder verließ. Ich hatte mir kurz vor dem Ablauf meiner zweijährigen Verpflichtung, als Handballtorwart die rechte Hand gebrochen, durfte um ein Jahr verlängern und wegen dem Gips, mit links Grüßen.

Dann kam ich zu der Erkenntnis, dass ich die falsche Frau geheiratet hatte, lies mich scheiden und wollte studieren. Da ich aber lediglich einen Realschulabschluss hatte, musste ich zuvor die Hochschulreife nachholen. Dann begann ich ein Studium der Sozialwirtschaft, das ich nach drei Jahren mit dem Diplom abschloss. Ohne humanistische Bildung war ich weiter wissensdurstig und schloss Studien der Soziologie, Psychologie und Philosophie an. Nach fünf Jahren fragte ich mich, was ich mit all dem wohl mal beruflich anfangen könnte und begriff, dass aus mir nie ein zweiter Habermas werden würde. So wechselte ich wegen meiner Technik-Affinität zur Informatik und, da mir das schnell zu trocken erschien, ein Jahr später zur Informationswissenschaft in Berlin.

Mein BAFöG war nach dem Erststudium ausgelaufen, also musste ich dazu verdienen, wobei mir die ersten Semester Informatik halfen als Programmierer unterzukommen. In Berlin wurde ich dann studentischer Mitarbeiter in einem Projekt am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft der FU, wo ich an die künstliche Intelligenz herangeführt wurde und als Student bald sogar eigene Vorlesungen über die Computersprache LISP abhalten durfte.

Aber irgendwie war ich durch die interessante Arbeit so sehr abgelenkt, dass ich nicht zum Abschluss kam. Hochmotiviert zu einem Ende zu kommen, zog ich nach Konstanz, um dort bei dem führenden deutschen Experten für LISP meinen Diplom-Abschluss zu machen. Auch an seinem Lehrstuhl durfte ich schnell als studentischer Mitarbeiter wirken und hielt auch hier Vorlesungen ab. Das Studium verlangte ein einmonatiges Praktikum, welches ich in Washington DC, bei einer deutschen Nachrichtenagentur abschloss. Weil es dort so spannend war und ich im Studentenwohnheim eine interessante Frau kennengelernt hatte, bat ich um eine Verlängerung des Praktikums, die mir gewährt wurde.

Ich beschloss danach in den USA zu bleiben und folgte der Frau nach Houston, Texas. Sie betrieb dort eine Montessori-Kita, wo ich als Tellerwäscher, Gärtner und Hausmeister anfing und bald Geschäftsführer und Chauffeur wurde. Ohne Greencard durfte ich offiziell nicht arbeiten, sodass ich jedes halbe Jahr nach Berlin flog, um hier in der Erwachsenenbildung sowie an einer Fachhochschule Lehrveranstaltungen durchzuführen, die mir halfen, das nächste halbe Jahr in den USA finanziell zu überstehen.

Nachdem meine Freundin sich hatte scheiden lassen, zogen wir zusammen. Als strenggläubige Katholikin waren wir ihretwegen bis dahin keusch gewesen. Sie hatte mich aber sonntags gelegentlich mit in ihre Kirche genommen, was mir half meine Englisch-Kenntnisse zu verbessern. Kirche ist in den USA ein oft wesentlich attraktiveres Unterfangen, als ich es aus Deutschland kannte, denn es gibt dort keine Kirchensteuer, sodass etwas geboten werden muss, damit überhaupt jemand kommt und dann Geld spendet.

Nach einer Weile kamen wir zu dem Schluss heiraten zu wollen, was aus ihrer Sicht natürlich kirchlich sein sollte. Aber wir mussten uns vor der Kirchenverwaltung offenbaren, um unsere ersten Ehen für ungültig erklären zu lassen. Das erschien uns aber beiden als unwürdig, weshalb wir davon absahen und uns nur standesamtlich trauen ließen.

Auf unserer Hochzeitsreise, die für Sie natürlich eine Pilgerfahrt nach Israel wurde, hatten wir beim Wandern zufällig einen Putenmastbetrieb entdeckt und konvertierten ob der gesehenen empörenden Verhältnisse zu einem tierproduktfreien Leben. So kam es, dass wir in der Folge die erste und einzige vegetarische Kita in Houston betrieben. Als eine wichtige Sponsorin ihre Zahlungen einstellte, begann ich als IT-Manager für einen Bio-Supermarkt zu arbeiten, der bald zu expandieren begann und mir ein interessantes Betätigungsfeld bot.

Nach meiner Kritik an der respektlosen Behandlung der Kellner:innen durch den Arbeitgeber in dessen Restaurant, wurde ich prompt auf die Straße gesetzt und arbeitete kurz darauf als Geschäftsführer eines großen Massagestudios. Meine Frau musste bald darauf ihre Schule aufs Land verlegen. Wir begannen uns auseinander zu leben und ließen uns dann scheiden. Ich war meiner Frau – wie sie sagte – nicht spirituell genug. In Houston motivierten mich Arbeitskolleg:innen mit ihnen zu einer Freikirche zu gehen, wo ich eine aufgeklärte Form des Christentums kennenlernte, die mich ansprach, sodass ich mich in dieser Kirche zum spirituellen Lehrer ausbilden ließ. Gleichzeitig hatten mich die rhetorischen Fähigkeiten des Pastors motiviert einer Selbsthilfegruppe zur Überwindung der Angst vor der öffentlichen Rede namens Tostmasters beizutreten, wo ich in den folgenden Jahren Reden halten lernte, was mir später sehr half.

Eine andere Frau motivierte mich in der Folge nach McAllen, Texas zu ziehen, wo ich Geschäftsführer eines World-Tradecenters, später selbständiger IT-Berater und Webmaster wurde, sowie Prediger in der dortigen Unity-Gemeinde. Gegen Ende der Gültigkeit meiner Greencard beschloss ich nach Deutschland zurückzukehren, um evtl. hier den Menschen das Christentum näher zu bringen. Bei dem Versuch bekam ich immer mehr Zweifel, ob ich das, was ich dabei erzählte, auch wirklich glauben könne. Bei meiner Neuorientierung beschloss ich, an meine in den USA abgeschlossene Hospizausbildung anzuknüpfen. Da ich dies nicht wieder in einem kirchlichen Kontext tun wollte, stieß ich bei meiner Suche auf den Humanistischen Verband Deutschlands, von dem ich vorher noch nichts gehört hatte.

Auch vom Humanismus hatte ich bis dahin noch nichts Konkretes gehört. Das war im September 2002, und rückblickend erscheint es mir, als wäre der HVD damals ein gut gehütetes Geheimnis gewesen. Ich hatte das Glück, dann einen der legendären Hospiz-Kurse unter der Leitung von Gudrun Ott-Meinhold absolvieren zu dürfen. Ihr Büro befand sich neben denen der Abteilung Patientenverfügung, sodass ich innerhalb kürzester Zeit bei beiden Projekten die Damen unterstützen und meine Computerkenntnisse zur Anwendung bringen konnte. Glücklicherweise wurde das schnell so viel, dass ich als freier Mitarbeiter angestellt wurde.

Dann kam das Jahr 2004, in dem das BMJ seine Textbausteine für eine konkrete Patientenverfügung veröffentlichte. Nach dem Studium der Broschüre, sagte ich der Projektleiterin Gita Neumann, dass ich daraus ein Formular für das Internet machen könne, sodass Menschen ihre Wünsche für ein humanes, selbstbestimmtes Sterben, auf dem Wege festhalten und von uns zu einem Dokument ausarbeiten lassen könnten. Ich hatte die Optimale Patientenverfügung kennengelernt und sah die Neue als eine einfachere und für ein breiteres Publikum günstiger zu offerierende Alternative an.

Das gefiel Gita Neumann, sodass ich bald fester Mitarbeiter wurde und unter ihrer fachlichen Anleitung, das Projekt realisieren und bis zu meiner Berentung immer weiterentwickeln durfte. In meiner Zeit haben wir damit über 25.000 sog. Standard-Patienten¬verfügungen erstellt und über eine halbe Million Euro umgesetzt.

Nebenbei schloss ich die 2002 begonnene Hospizausbildung ab und wurde später von Carmen Malling gefragt, ob ich nicht die Leitung des Senioren-Internetcafés Weltenbummler übernehmen könne, nachdem dies zuvor von zwei öffentlich geförderten Mitarbeitern geleitet worden war, deren Finanzierung auslief. Der zeitliche Aufwand war aber so groß, dass ich dies Projekt nach knapp zwei Jahren und der Festanstellung wieder abgeben musste. In der Folge gab ich aber noch verschiedene Präsentationen für Senioren und auch eine Einführung in das Internet allgemein und in Facebook.

Daneben wurde ich Webmaster des Hospiz-Projekts V.I.S.I.T.E. und verhalf dem u. a. zu einem neuen Logo.

Ich betreute dann auch InfoStände für den HVD auf Stadtteilfesten und Seniorentagen, aber auch an Parteitagen der SPD oder Ärztetagen im Kongresszentrum. Ich initiierte einen Gesprächskreis für Mitglieder mit dem Titel Humanismus-Forum, wo ich Impulsreferate zur Initiierung der Diskussion und Präsentationen z. B. zu Büchern von Michael Schmidt-Salomon und Richard Dawkins hielt.

Ich habe viele Veranstaltungen des HVD fotografisch oder auf Video dokumentiert, weil es mir wichtig war, den HVD einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Dazu betreibe ich zwei Kanäle auf YouTube und habe größere Veranstaltungen des Bereichs Patientenverfügung auch auf Facebook und anderen Plattformen beworben.

Einige schriftliche Beiträge von mir sind beim HPD erschienen und andere auf der Website der GRÜNEN Alten, deren Webmaster ich bin.

Nebenbei habe ich eine Fortbildung zum Feiersprecher gemacht und durfte bisher 21 Trauerfeiern und sechs Trauungen als Zeremonienmeister durchführen.

Ich durfte Referate an Humanisten-Tagen in Hamburg und Berlin halten, sowie ein Bildungswochenende für den HVD-Niedersachsen durchführen. Bei einer Mitgliederversammlung bin ich mit dem Vorschlag bei unseren Veranstaltungen tierleidfreie Speisen anzubieten, vor längerer Zeit gehörig ins Fettnäpfchen getreten, obwohl ich damit niemanden bekehren wollte.

Allerdings denke ich, dass der Humanismus sich in den Jahrtausenden seiner Geschichte immer weiterentwickelt hat und hoffentlich in naher Zukunft auch dem Naturschutz und Tierwohl mehr Bedeutung beimessen wird. An jüngeren Veröffentlichungen des HVD ist das bereits zu erkennen.

Inzwischen sehe ich den Humanismus als größten gemeinsamen Nenner, unter dem eine multikulturelle Gesellschaft friedlich zusammenleben kann.

Durch die intensive Sterbebegleitung von Fiona Lorenz (einer humanistischen Aktivistin) bin ich 2013 nach Potsdam gezogen und nach ihrem Tod dortgeblieben, weil es mir für meine alten Tage als bessere Umgebung erschien als Berlin.

Hier habe ich mich dem Regionalverband Potsdam angeschlossen und bin seit zwei Jahren sein stellvertretender Vorsitzender. Damit hier von uns auch anderes als Jugend-Feiern zu sehen sind, habe ich den Humanistischen Salon ins Leben gerufen, den ich monatlich abhalte. Ich vertrete den Verband hier im Seniorenbeirat, im Netzwerk Älter werden in Potsdam, in der Friedenskoordination Potsdam, im Bündnis Tolerantes Potsdam bzw. Potsdam bekennt Farbe, in der LAG Gesundheit und Soziales der GRÜNEN und auch bei ver.di.

Neben anderen Vereinen bin ich langjähriges Mitglied des HVD-BB, der Humanistischen Akademie, der Humanistischen Union, der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben, der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention und der Gesellschaft für Ethik in der Medizin.

Ich bin dankbar, dass ich über den HVD den Humanismus kennlernen durfte und beeindruckt wie viele engagierte Mitarbeiter:innen und Zeitschenker:innen er hat. Ich bevorzuge den Ausdruck Zeitschenker gegenüber Ehrenamtlichen, weil er besser den Wert unseres Einsatzes zum Ausdruck bringt. Selbst die, die „nur“ Geld spenden, mussten dafür woanders arbeiten. Diese Zeit schenken sie dem HVD. Für diese Zeit, die so viele unserer Projekte unterstützt und teilweise sogar essenziell für deren Existenz ist, bin ich sehr dankbar.

Frank Spade, Potsdam, Januar 2021

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